Lesen und Vorlesen von Peter Denker

Wie Lesen zum Erlebnis wird

Sie kennen das: Jemand trägt vor - und es ist eine Zumutung. Er kann es nicht. -
Oder: Sie sollen einen Text vorlesen - und Sie scheuen sich davor.
Sie stimmen zu: Lesen und Vorlesen wollen gelernt sein!
Hier erfahren Sie, wie man es lernen kann.

Text verinnerlichen

Lesen bedeutet, einem geschriebenen Text
Vorstellungen und Empfindungen in Art innerer Bilder zuzuordnen.
Vorlesen bedeutet, so erzeugte innere Bilder
Zuhörern mit den Worten des Textes zu vermitteln.

Innere Bilder können im Leser bzw. Zuhörer am deutlichsten entstehen,
wenn er den Text in ‹A› kurze Sinnabschnitte gliedert bzw. gegliedert hört.
Jeder Sinnabschnitt beschreibt eine Figur, einen Gedanken oder einen Vorgang.
Einen Text zum Vorlesen in kurze Sinnabschnitte untergliedert aufzuschreiben
- wie im Layout dieses Essays beispielartig demonstriert -,
erleichtert dessen Rezeption und dessen Wiedergabe.
Dem Leser und dem Vortragenden erschließt sich nämlich dadurch
der Sinnghalt des betreffenden Textes beim Lesen unmittelbarer.
Deshalb nennt der Autor diese Layout-Form ‹B› 'sinngemäßen Umbruch'.

In jedem Text bilden die Interpunktionszeichen
(Komma, Semikolon, Punkt, Doppelpunkt und Gedankenstrich)
vorgegebene Sinnabschnittsbegrenzungen,
und markieren also Sprechpausen.
Pausen im Redefluss sind darüber hinaus
bei langen Satzgebilden auch zwischen Interpunktionszeichen nötig,
um die Verständlichkeit
durch Verteilung auf in sich sinnvolle 3-Sekunden-Fenster zu wahren.
Im vorliegenden Text sind Sprechpausen durch Zeilenumbrüche sichtbar gemacht.

Das Lesen besteht daher aus einer Verbindung von Analyse,
das ist das Erkennen der Sinnabschnitte und deren Deutung,
und einer Synthese,
das ist die Verbindung des Textsinns mit lebendigen inneren Bildern,
also der Entwicklung von Empathie
- das ist Einfühlen -
in die Figuren, Vorgänge, Stimmungen und Empfindungen.

Text vortragen

Im Vorlesen wird dem Lesen ein weiteres Element
nämlich das Element der Darstellung hinzu gegeben,
um die eigene, empathische Verbindung mit dem Text
den Zuhörern authentisch vermitteln zu können.
Damit dies überzeugend gelingen kann,
ist die sichere Kenntnis des Texts unerlässlich.
Also: Erst lesen, dann vorlesen!

Der Vortragende bedient sich
der Stimmführung, Mimik, Gestik und Körpersprache in solcher Weise,
dass die inneren Bilder, die er in sich erzeugt hat,
vom Zuhörer als echt und sinnfällig miterlebt werden können.

Das Textverstehen braucht Zeit,
damit innere Bilder entstehen können.
Darum sind Pausen nötig.
Denn sie helfen dem Text, verständlich zu werden.
Also: Eile nicht, sondern verweile!
Denn jedes Bild braucht seine Zeit.
Wer schnell lesen kann, liest darum längst nicht gut.

Die Vorstellung, in einem großen Raum zu sprechen, ist hilfreich,
um langsam, artikuliert, betont und laut genug zu reden,
damit die Gedanken und Gefühle durch Worte zum Zuhörer gelangen.

Rapport herstellen

Der Zuhörer kann in Worte gefasste Bilder nur erleben,
wenn er dem Vortragenden gern zuhören mag.
Dazu bedarf es der Herstellung von ‹C› Rapport
zwischen dem Vortragenden und seinen Zuhörern,
einer Einladung zum Zuhören gleichsam,
die sich an das Gemüt der Zuhörer richtet.
Sie könnte beispielsweise lauten:
"Ich möchte Ihnen mit meinem Vortrag etwas sehr Kostbares schenken.
Dieses Geschenk können Sie aber nur empfangen,
solange Sie mir Ihre Aufmerksamkeit schenken.
Das Gelingen dieses Gebens und Nehmens wünsche ich uns."

Rapport aufrecht erhalten

Um die Beziehung zum Hörer aufrecht zu erhalten,
bedarf es der wachen Wahrnehmung der Stimmung im Auditorium:
Wenn Müdigkeit aufkomm
oder Aufmerksamkeit nicht mehr herstellbar ist,
wenn Blickkontakt verloren geht,
dann erreichen Gedanken und Bilder die Zuhörer nicht mehr.
Der Vortragende muss die averbalen Botschaften seiner Zuhörer
nicht nur erkennen, sondern darauf auch angemessen reagieren.

Würde der Vortragende Enttäuschung äußern
oder gar sein Publikum schelten,
dann hätte er es sogleich verloren.
Besser stellt man Aufmerksamkeit mit Humor und lächelnd wieder her.

Ein langer Text muss sich notfalls abkürzen lassen.
Statt alles vorzulesen,
kann eine Passage mit eigenen Worten
zusammenfassend lebendig erzählt werden.
Der Schluss hingegen sollte der abkürzend eingefügten eigenen Erzählung
möglichst originalgetreu angefügt werden.
Hierzu ist hilfreich,
denkbare Auslassungen im Text
durch passende Zeichen und gegebenenfalls auch Verweise
zuvor kenntlich zu machen.

Text erlebbar machen

Der Vortragende muss sich seiner Aufgabe
als Vermittler zwischen Text und Zuhörern bewusst sein.
Beim intensiven Lesen praktiziert man erweitertes Wahrnehmen,
also einen das eigene ‹1› Bewusstsein prägenden Vorgang.
Durch seine empathische und authentische Verbindung mit dem Text einerseits
und mit den Zuhörer andererseits,
vermittelt der Vortragende die in sich erzeugten inneren Bilder seinen Zuhörern,
die sie ihrerseits bewusst erleben
und auf sich und in sich lebendig wirken lassen.

So können das Lesen, das Vorlesen und das Zuhören
zu einem gemeinsamen und intimen Texterleben werden.




 

Anmerkungen:

 

‹A› Sinnabschnitte:
Der Hirnforscher Ernst Pöppel hat in seinem Buch
‹2› "Grenzen des Bewusstseins" u.a. erklärt,
dass Menschen weltweit
Ereignisse nur bis zu einer zeitlichen Ausdehnung von bis zu etwa 3 Sekunden
als zusammengehörig erfassen können.
Diese Tatsache nutzen Poeten aller Sprachen unbewusst schon,
solange es Gedichte überhaupt gibt.
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‹B› Sinngemäßer Umbruch:
So nennt der Autor ein Textlayout,
das die in ‹A› beschriebene Einsicht auf Prosatexte anwendet.
Der Impuls dazu ergab sich bei dem Bemühen,
einen schwierigen Text für Schüler so aufzubereiten,
dass sie ihn sinnerschließend lesen und vorlesen konnten,
also aus unterrichtspraktischer Erfahrung.
In seinem Buch ‹3› "Schule des Bewusstseins"
hat der Autor dieses lesefreundliche Layout durchgängig angewendet.
- zurück zu ‹B› -

‹C› Rapport:
Dieses Wort meint das Herstellen und Aufrechterhalten einer Verbindung
zwischen dem Vortragenden und seinem Publikum.
Das verlangt, nicht über die Köpfe hinweg
und nicht aufs Manuskript fixiert zu reden,
sondern die Menschen anzuschauen,
ihre Stimmung wahrzunehmen
und darauf gut zu reagieren.
Dadurch soll Langeweile vermieden, dem Abschalten vorgebeugt
und statt dessen interessierte Aufmerksamkeit hergestellt werden.
"Rapport" - eine gute Verbindung - ist hergestellt,
wenn man sich wie bei einem Gespräch anschaut,
und dabei mitdenkt und mitfühlt -
und das dem Gegenüber auch mit Worten oder Gesten spiegelt.
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LINKS:

 

‹1› Denker, Peter Essay "Bewusstsein schulen":
www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/53-bewusstsein-schulen.html
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‹2› Pöppel, Ernst "Grenzen des Bewusstseins" - Über Wirklichkeit und Welterfahrung:
DVA (Deutsche Verlagsanstalt), Stuttgart 2. Aufl. 1988, ISBN 978-3-424-02735-8
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‹3› Denker, Peter "Schule des Bewusstseins" - Ein pädagogisches Lesebuch:
Verlag BoD (Books on Demand), Norderstedt 2012, ISBN 978-3-8482-1739-7,
beschrieben in Buchvorstellung:
www.publicationes.de/allgemeines/35-nachrichten1/158-buchankuendigung.html
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