Gymnasium - die richtige Schule? von Peter Denker

Gesichtspunkte zur Wahl der weiterführenden Schulform

Viele Eltern sind vor den Anmeldeterminen der weiterführenden Schulen - etliche auch danach noch, vor dem anstehenden Schulwechsel - unsicher, ob sie mit der Anmeldung an einem Gymnasium die richtige Entscheidung für ihr Kind getroffen haben. Wie können sie die Verlässlichkeit ihrer Entscheidung überprüfen?

Aufgabe des Gymnasiums

Das Gymnasium ist eine Schulform, die in einem geschlossenen Bildungsgang Studierfähigkeit veranlagen will. Das Ziel ist also die Allgemeine Hochschulreife, das Abitur. Andere hier erzielbare Abschlüsse (wie Fachoberschulreife oder schulischer Teil der Fachhochschulreife) können hier zwar auch erworben werden, jedoch gibt es für solche Abschlüsse gezielter vorbereitende Schulformen. Beim Gymnasium stehen also die breite intellektuelle Bildung sowie die Erziehung zur Verantwortung im Vordergrund. Musische, künstlerische, sportliche oder praktische Kompetenzen werden nur in Sonderformen besonders gefördert. Eltern müssen sich fragen, ob ihr Kind für diesen Bildungsgang erkennbar geeignet ist.

Erwartungen an das Gymnasium

Eltern wollen für ihre Kinder natürlich nur das Beste. Indem sie für zutreffend halten, das Gymnasium sei die "beste Schulform", in der die aussichtsreichsten "Zukunftschancen verteilt" würden, fällt die Wahl der weiterführenden Schule für das eigene Kind häufig ohne Anflug eines Zweifels auf diese Schulform. Vor allem Eltern, die selbst das Abitur oder einen Studienabschluss erreicht haben, sind meist fest davon überzeugt, dass ihre Kinder das auch "irgendwie schaffen werden". Notfalls hier und da eben mit Nachhilfe. Eltern, die es selbst gern bis zum Abitur gebracht hätten, haben häufig den brennenden Wunsch, dass ihr Kind es in dieser Hinsicht "besser haben" soll. Gerade Eltern mit derart gefestigter Meinung sollten aber sorgsam überlegen, ob sie nicht im Begriff sind, ihrem Kind womöglich ihm Unzumutbares zuzumuten. Projektionen elterlicher Wünsche sind nämlich keine tragfähige Basis für die Entfaltung der individuellen Fähigkeiten ihrer Kinder. Die Leitfrage muss lauten: Kann das Kind seiner Entwicklung und Eignung nach an dieser Schule voraussichtlich erfolgreich und mit Freude mitarbeiten?

Indikatoren für unzureichende Eignung

Wenn Kinder

  • schon ungern zur Grundschule gehen,
  • sich schwer tun, sinnerschließend zu lesen,
  • an Büchern wenig Interesse haben,
  • kein gutes Gedächtnis haben,
  • sich für Zusammenhänge kaum interessieren
  • Warum-Fragen selten stellen und
  • Erklärungen rasch abtun,
  • Kopfrechnen und Auswendiglernen als Zumutungen empfinden,
  • nur wenige Augenblicke bei einer Sache bleiben mögen,
  • Spiele und Annehmlichkeiten ihren Pflichten unbedingt vorziehen,
  • Anstrengungen erkennbar scheuen,
können das Hinweise darauf sein, dass sich das Kind in der Lernumgebung Gymnasium umso schwerer tut, je mehr dieser Merkmale für sein Verhalten typisch sind.

 

Indikatoren für ausreichende Eignung

Wenn aber ein Kind

  • vielfältige Interessen an Dingen seiner Umgebung zeigt,
  • oft nach dem Warum von Ereignissen und dem Wozu und Wie von Geräten fragt,
  • mit ständigen Fragen manchmal nervt,
  • mit Freude in die Schule geht,
  • über Unterrichtsinhalte daheim berichten kann,
  • Ausdauer und Fleiß bei der Bewältigung von Aufgaben zeigt,
  • sich eine Weile gut auf eine Aufgabe konzentrieren kann,
  • sich Gelerntes gut merken und wiedergeben kann,
  • gern tüftelt,
  • gern in Büchern liest,
  • recht häufig "originelle Einfälle" hat, die es auch zu verwirklichen versucht,
  • ähnliche Vorgängen als ähnlich erkennen und ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede benennen kann,
so sind dies Hinweise darauf, dass das Kind den Anforderungen des Gymnasiums umso besser gewachsen sein wird, je mehr dieser Merkmale für sein Verhalten typisch sind. - Weitere Eignungsaspekte, denen ein Kind wenigstens ansatzweise genügen sollte, ergeben sich aus den [1] Zielsetzungen des Gymnasiums. Wenn darüberhinaus Schlüsselqualifikationen wenigstens ansatzweise erkennbar sind, wie sie im Essay [2] Stufen zum Erfolg dargestellt sind, darf die Wahl der Schulform Gymnasium als wohlbegründet gelten.

 

Beratung

Eltern sind mit der Aufgabe, die Fähigkeiten, Eigenschaften und Entwicklungsmöglichkeiten ihres Kindes einzuschätzen nicht auf sich allein gestellt: Die Grundschullehrerin hat das Kind mehrere Jahre unterrichtet und beobachtet. Daher ist dort besonders kompetenter Rat zu erlangen. Die beschreibenden Zeugnisse geben dazu mehr Informationen als die Notenzeugnisse. Das Beratungsgespräch kann nur dann hilfreich sein, wenn es beiderseits ergebnisoffen geführt wird. Suggestivfragen von Eltern sind genauso hinderlich wie es negative Vorerfahrungen der Grundschullehrkraft mit einer konkreten weiterführenden Schule sein können. Auf der Grundlage der Zeugnisse und Beratungsschreiben kann auch die aufnehmende Schule auf die Fragen der Eltern eingehen. Wer hinsichtlich der Eignung seines Kindes wirklich Zweifel hat, sollte diese Zweifel durch Beratungsgespräche so weit wie möglich klären, gegebenenfalls sogar durch ein externes, lernpsychologisches Gutachten.

Korrektur von Fehlentscheidungen

Die Durchlässigkeit der Schulformen in und am Ende der Erprobungsstufe ist in den meisten Bundesländern gegeben. Begabte Schüler, die an der Realschule nicht begabungsgerecht gefördert werden können, empfiehlt diese einem Gymnasium zur Aufnahme. Das ist für die Entwicklung des Kindes günstiger als der umgekehrte Weg nach Feststellung unzureichender Voraussetzungen am Gymnasium. Denn der Wechsel vom Gymnasium zur Realschule oder Hauptschule wird vom Schulkind und seinen Eltern als sehr belastend empfunden, der umgekehrte Weg aber als ermutigend. In jedem Fall empfiehlt sich daher für das Kind diejenige Schulform, für die es die besten Voraussetzungen mitbringt.


LINKS:
[1] Essay Ziele gymnasialer Bildung und Erziehung: www.publicationes.de/gymnasial-ziele.html - zurück zu [1] -
[2] Essay [Beschreibung]: www.publicationes.de/stufen-zum-erfolg.html - zurück zu [2] -


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